31.08.2016

Insulinresistenz im Kindesalter

Dieses Mädchen leidet sehr wahrscheinlich 
an Insulinresistenz und Hyperinsulinämie

Immer wieder überrascht es mich, wie wenig unsere Ärzte die Anzeichen für eine sich entwickelnde Insulinresistenz beachten. Bei der 8-jährigen Eva, die mich im Sommer 2015 mit ihren Eltern besucht hatte, waren die äußeren Anzeichen von Hyperinsulinämie und Insulinresistenz derart deutlich zu erkennen, dass ich ungläubig mit Kopfschütteln reagierte, als mir die Eltern sagten, dass ihr Hausarzt nicht auch nur einmal dem Grund für den wachsenden Bauchspeck des Kindes nachgegangen ist. Als mir die Mutter sagte, dass Eva bei ihrer Geburt schon 4,6 kg gewogen habe und regelrecht zuckersüchtig sei, klingelten bei mir die Alarmglocken und ich erklärte ihnen, warum ihre Tochter sehr wahrscheinlich an einer Störung des Glukose-Stoffwechsels leide.

Nach den Sommerferien hatten die Eltern auf meinen Rat einen oralen Glukose-Toleranztest mit Insulinbestimmung bei Eva durchführen lassen, welcher eindeutig Insulinresistenz mit Hyperinsulinämie diagnostizierte.

Insulinresistenz mit Hyperinsulinämie ist die treibende Kraft für Fettleibigkeit, Herzkreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes. Neuere medizinische Forschungen zeigen, dass Insulinresistenz als Schutzreaktion von Mitochondrien gegen ein Zuviel an Glukose aufgefasst werden kann. Es handelt sich somit ursächlich um eine Dysfunktion in der Verwertung von Glukose im Zentrum der Energieerzeugung unserer Körperzellen selbst. 

Früh erkannt lässt sich diese Störung wohl nicht heilen, jedoch gut im Zaum halten mit einer Kost aus unverfälschten, nährstoffreichen Lebensmitteln mit sehr wenig Zucker und wenig Stärke, moderat Eiweiß und viel natürlichem Fett. Das genaue Gegenteil der kohlenhydratreichen, fettarmen "gesunden Mischkost", welche die Deutsche Gesellschaft für Ernährung propagiert.

Kann man Kindern zumuten, keine Süßigkeiten mehr zu essen? Ja, man kann. Eva litt furchtbar unter den ständigen Hänseleien ihrer MitschülerInnen. So erstaunte es mich nicht, dass sie ab dem Moment auf Süßes verzichtete und stärkereiche Speisen mied, als ihre Mutter ihr genau erklären konnte, warum selbst relativ wenig Zucker, Brot, Nudeln, Reis und Kartoffeln in ihrem Körper Fettpolster bildet .

Einen Sommer später hüpfte mir eine leichtfüßige, strahlende Eva entgegen. Wie schnell und radikal eine zucker- und stärkearme, fett- und nährstoffreiche Kost doch in diesem Alter wirkt. Mutter und Vater hatten ihr Essverhalten gemeinsam mit Eva umgestellt, sich recht schnell an die neue Kost gewöhnt und sie schätzen gelernt. Eva hatte ihre Zuckersucht mit der neuen Ernährungsweise überraschend schnell überwunden und eine Lebensfreude und Vitalität entwickelt, welche die Eltern so lange Zeit schmerzlich bei ihrem Kind vermisst hatten.   

Eine nicht erkannte Insulinresistenz führt zu ernsthaften Problemen; denn dabei steigt der Insulinspiegel im Blut im Laufe der Zeit an, welches wiederum die Insulinresistenz verschlechtert. Ein wahrer Teufelskreis. 

Ein ständig hoher Insulinspiegel schädigt die innerste Schicht aller Blutgefäße und erhöht so das Risiko für die Entwicklung lebensgefährlicher Gefäß und Herz-Kreislauf Erkrankungen, lange bevor erhöhte Blutzuckerwerte auftreten und oft Jahrzehnte bevor sich Typ-2-Diabetes manifestiert. Ganz abgesehen davon, dass ein ständig erhöhter Insulinspiegel zu Fettleibigkeit führt, welche gerade junge Menschen nicht nur in ihrer körperlichen Entwicklung schwer belastet. 

Ist es nicht die Aufgabe von Eltern sich zu bilden und ihre Kinder mit guten Argumenten aufzuklären? Verbote ohne Argumente und ohne vorgelebtes Beispiel, das wissen wir alle, bleiben wirkungslos. Dass uns niemand diese Aufgabe abnehmen kann, wissen wir ebenfalls. Das Beispiel von Eva und ihrer Eltern beweist, dass eine Umstellung der Ernährungsweise funktioniert, wenn alle Familienmitglieder mitmachen.

Hyperinsulinämie mit Insulinresistenz ist eine der meist verbreiteten Hormonstörungen unserer Zeit. Seit etwa 50 Jahren gibt es Analysemethoden, mit welchen Insulin gemessen werden kann. So ist mittlerweiles bekannt, dass es große Unterschiede in der Ausschüttung von Insulin auf eine gegebene Menge von Glukose gibt. Je nach Individuum variiert die Insulinantwort zwischen dem Ein- und Sechsfachen in einer relativ kleinen Population, ohne die Ausreißer nach unten und oben mitzuzählen. Diejenigen unter uns, deren Mitochondrien größere Mengen an Glukose schlecht tolerieren und deren Pankreas überschießend auf Glukose reagiert, haben bei unserer heutigen zucker- und stärkereichen Standardkost ihr Leben lang gegen Übergewicht anzukämpfen, laufen Gefahr an Herzinfarkt oder Gehirnschlag zu versterben und bilden mit großer Wahrscheinlichkeit spätestens im Rentenalter einen manifesten Diabetes aus. 

Nein, der pandemische Anstieg von Fettleibigkeit, Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes liegt nicht daran, dass die Menschheit auf einmal auf der faulen Haut liegt, statt sich zu bewegen, und sich überfrisst, statt Maß zu halten. Der Hauptgrund ist, dass raffinierter Zucker und hoch stärkehaltige Lebensmittel und Fertiggerichte einen immer größeren Anteil an der menschlichen Ernährung einnehmen und bei immer mehr Menschen die Toleranzschwelle überschreiten.

Diese Produkte sind billig, lange Zeit haltbar, schmecken nach mehr und füllen weltumspannend die Regale der Supermärkte. Ihre Herstellung und Vermarktung liegt vorzugsweise in den Händen großer internationaler Konzerne, welche mit allen Mitteln des modernen Marketings ihren Umsatz und Profit steigern wollen. Kinder sind da eine besonders wichtige Zielgruppe; denn einmal in der Kindheit erworbene Marken- und Geschmackspräferenz bleiben oft das ganze Leben über vorherrschend. 

Muss man da mitmachen? Nein, ganz gewiss nicht.

Nachtrag:

Der orale Glukose-Toleranztest mit Insulinbesimmung (http://zuckerkrankwasnun.blogspot.fr/2016/06/die-diagnose-von-insulinresistenz.html) ist sicherlich der aussagestärkste Test, wenn man wissen möchte, ob ein übergewichtiges Kind unter Hyperinsulinämie leidet oder nicht. Sein Nachteil: er ist aufwändig und teuer. Oft reicht ein recht einfacher Test für eine erste Diagnose: morgens misst man den Nüchtern-Insulinspiegel des Kindes, gibt ihm eine Scheibe Toastbrot zu essen und misst nach 30-45 Minuten noch einmal den Insulinspiegel. 

In der Regel wird der Nüchtern-Insulinspiegel im Normbereich von weniger als 10 Mikroeinheiten/mL liegen. Wenn der 2. Wert 60 Mikroeinheiten/mL übersteigt liegt Hyperinsulinämie vor. Nicht selten übersteigt der 2. Wert 150, ja sogar 200 Mikroeinheiten/mL. Dann hilft dem Kind nur eine strikt zucker- und stärkearme Ernährung.




Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen guten Artikel.
    Unser Kinderarzt empfiehlt immer noch eine fettarme Kost mit viel Vollkorn und "so gesundem" Obst. Obwohl er weiß, dass mein Vater kürzlich an den Folgen seiner Diabeteserkrankung verstorben ist.
    Jetzt fühle ich mich bestärkt, danke!

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  2. Danke für diesen tollen Artikel!
    Gruß von einer selbstsständigen Diätassistentin, die solche Kinder sehr oft in Behandlung hat.

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